Dezentrales / Zentrales Publishing

Gerade lese ich einen Zeit-Artikel und an einer Stelle gibt es diesen schönen Ausschnitt:

Zeh: Ich wünsche mir, dass der Kunde nicht immer zu Amazon geht, sondern direkt auf die Homepage vom Verlag.
Schöffling: Kann er doch!
Zeh: Aber er macht es nicht. Warum? Es fehlt uns etwas wie eine Plattform, auf der mehrere Verlage stehen.
Schöffling: Gibt es schon.
Zeh: Aber nicht wahrnehmbar für den Kunden!
Schöffling: Der Kunde will Amazon, weil das unglaublich bequem ist. Es gibt zwar kleine innovative Verlage und sogar eine Plattform, Tubuk, wo man auch alles direkt und schnell kriegt. Aber deren Umsätze sind verschwindend gering. Einer muss halt der Marktführer sein.

Und das erinnerte mich wieder an eine Idee, die ich in diesem Zusammenhang schon eine Weile habe.

Da ich viel auf der Suche nach freier Musik bin, grase ich verschiedene Netlabels und Plattformen nach Neuerscheinungen ab. Das ist anstrengend und umständlich und ich glaube kaum, dass sich noch jemand, der auf der Suche nach guter Musik ist, das so macht. Ebenso dürfte das mit Ebooks und anderen Kunsterzeugnissen sein, auf die man gerne aufmerksam werden möchte.

Man braucht eine Oberfläche, wo man alles finden kann. Klassischerweise sind das dann Firmen wie Amazon oder Websuchen wie Google, die ein Interface bieten um alles zu finden. Problematisch an dem vorgehen finde ich, dass damit Firmen wie Amazon oder Google viel Macht zukommt, da sie als Durchgangstore funktionieren. Wenn sie irgendwas nicht wollen, können sie es aussperren. Außerdem kann Amazon seine eigenen Regeln und Preise machen um damit die Verleger unter Druck setzen. Nachdem ich bei Diaspora als sozialem Netzwerk eingestiegen war und das ein wenig besser unter die Lupe genommen hatte, kam mir ein kleiner Verdacht, was wir eigentlich wirklich brauchen – denn die Bücher kann man direkt bei den Verlagen kaufen oder direkt bei den Netlabels herunterladen (und auf deren Portal stehen und dort dann direkt Spenden oder für den Download bezahlen).

Die Idee

Angenommen ich habe viele Netlabels und möchte deren Angebot durchstöbern. Dann gehe ich nicht mehr auf die einzelnen Webseiten der Netlabels, sondern habe einen zusammenfassenden Katalog, der alle Releases enthält. Dieser Katalog wird aber nicht an einer Stelle gespeichert – denn dann hätte man wieder das zentrale Durchgangstor, das viel Macht hätte. Es gibt stattdessen mehrere Verzeichnisdienste, womöglich bei den jeweiligen Netlabels im Hintergrund mitbetrieben, von denen sich ein Programm oder Webservice eine Liste aller Netlabels holen könnte.

Die Netlabels haben eine standardisierte Schnittstelle, ähnlich der Federation bei Diaspora, über die ihr Bestand abgefragt werden kann. Ein Programm oder Service würde mehrere Verzeichnisdienste gleichzeitig benutzen, um durch die Redundanz eine Zensur zu vermeiden. Möchte ein neues Netlabel dort einsteigen, müsste es sich die Software auf ihren Webserver installieren, ihren Bestand eingeben und mindestens ein weiteres Netlabel kennen, das bereits an diesem Netzwerk teilnimmt (leicht ergooglebar oder auf der Homepage des Systems dann ansehbar). Sobald es erst einmal einem Netlabel bekannt ist, werden alle anderen beim neuen Berechnen der Verzeichnisse das neue Netlabel einbeziehen.

Der schöne Vorteil gegenüber den einzelnen Webseiten der Netlabels wäre, dass das Kunstwerk selber im Vordergrund steht, weniger die Webseite des Netlabels selber. Außerdem könnte sich der Kunde selber das Interface aussuchen, mit dem er darauf zugreift (auch wenn die Webseiten mancher Netlabels schön aussehen, sind manche doch schwer zu navigieren). Und man hätte eine übersichtliche Datenbank, wenn man im Blick haben möchte, was es überhaupt alles gibt.
Nebenbei schön: Zu jedem Lied könnte im Programm oder dem Webservice über diese einheitliche Schnitstelle ein Flattr-Button oder ein Spenden-Button angezeigt werden oder die Lieder sogar direkt automatisch beim Hören honoriert werden, so dass die Künstler davon direkt profitieren, ohne dass der Konsument irgendwas tun muss. 🙂

Denn genau daran krankt die ganze freie Musikszene noch: Es gibt im Gegensatz zur primär kommerziell vermarkteten Musikszene keine so starke Promotion und keine gut sortierte Anlaufstelle.

Vielleicht hat jemand Lust die Idee weiterzuspinnen oder mal überhaupt bei Netlabels anzufragen, wie denn generell das Interesse für sowas aussieht. Für mich als Benutzer wäre das ein Traum, da ich gerne neue freie Musik finden würde, aber nie weiß, wo ich gucken kann.

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Ein Kommentar zu “Dezentrales / Zentrales Publishing

  1. ojdo

    am 20.06.2012 um 11:41

    Ich finde meine freie Musik hauptsächlich durch den RSS-Feed der Netlabels-Sammlung auf archive.org. Alle Netlabels, die das kostenlose Hosting dort nutzen, kommen mir so automatisch ins Netz. Die Menge verfügbarer Musik ist riesig, da dort neben hunderten Netlabels sowohl das gesamte Free Music Archive als auch Jamendo gespiegelt liegen.
    [Eigenwerbung]Alles, was mir gefällt, tagge und bewerte ich unter ojdb.[/]

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