Popularitätspyramide

Vorwort: Was ich hier schreiben werde, wird man sicher schon in einigen Büchern lesen können oder lernt man im ersten Semester wenn man irgendwas mit Gesellschaft studiert. Ich will es trotzdem mal eben in eigene Worte fassen.

Das Problem

Wer Internetplatformen wie deviantART, 500px, Flickr oder YouTube besucht – also Platformen, bei denen Benutzer ihre Werke veröffentlichen können – wird feststellen, dass die populären Inhalte von verhältnismäßig wenigen Benutzern erstellt werden. Es gibt Millionen Benutzer auf den Seiten, aber es sind meiner Beobachtung nach immer ein paar wenige hundert oder tausend, die auf der Startseite erscheinen.

Ja klar, das sind vermutlich die Leute, die die spannendsten, unterhaltendsten, lustigsten oder sonstwie besten Werke schaffen und dort veröffentlichen. Aber angenommen, jeder Benutzer würde Inhalte einstellen, die gleich interessant usw. sind – es würde sich an der Mischung nicht viel ändern, behaupte ich mal. Abgesehen von so Details, dass auf YouTube der eine V-Logger für mich persönlich sympatischer ist als der andere, werden sich trotzdem viele Leute auf wenige Macher konzentrieren – und das ist strukturbedingt.

Die Analyse

Es gibt auf dem System Macher und Besucher. Die Macher konkurrieren um die Aufmerksamkeit der Besucher, denn alle wollen, dass ihr Werk angeschaut / gehört wird. Der Besucher möchte nur irgendwie unterhalten werden, evlt. noch mehr spezielleren Wünschen. Für den Macher gibt es neben dem persönlichen Glücksgefühl u.U. noch monetäres Interesse daran, dass viel rezipiert wird (Youtube-Partner: via Werbung, 500px und deviantART: Verkauf von Bildern in Digital und Print).

Die Platform, auf der sich Macher und Besucher tummeln, möchte irgendwelche Macher und irgendwelche Besucher zusammenbringen, so dass die Besucher möglichst viel Zeit auf der Platform verbringen und Werbung konsumieren. Dafür braucht es auch gute Werke – aber wer die macht, das ist egal.

Diese Platformen haben eine Einstiegsseite, mit der man sich die populärsten, aufstrebenden oder sonstwie sortierten Werke anschauen kann. Wenn der Besucher nicht viel Zeit mit qualitativ schlechtem Inhalt verbringen möchte, wird er diese Ansichten benutzen, um mit geringem Zeitaufwand irgendwas zu finden, was er in dem Moment genießen kann – die Welt kommt vorsortiert. Auf diese Seiten wiederum kommt das Werk des Machers, wenn es bereits Aufmerksamkeit erhalten hat.
Bestehende Aufmerksamkeit erzeugt mehr Aufmerksamkeit.

Für den Besucher ist das gut, der findet schneller interessantes Zeug. Für die Platform ist das gut, denn der Besucher bleibt länger, wenn er etwas interessantes findet. Und für den Macher mit einer großen Fanbase ist das auch gut – dessen Inhalte sind in diesen Auflistungen immer vorn mit dabei. Er mobilisiert seine Fanbase automatisch, in dem jede neue Veröffentlichung an seine Follower / Abonnenten und auf dritten Kanälen weiterverbreitet wird. Dann rieseln die Klicks und die Likes, Sternchen, +1, Favoriten… you name it.
Und das ist nicht verkehrt. Und völlig verständlich.

Das Mimimi Dilemma kleiner Künstler

Hat man keine oder kaum eine Fanbase, hat man kaum eine Chance. Für die Platform und den normalen Besucher kein Problem, denn es gibt genug Macher, die ebenfalls gute Werke liefern.
Es gibt nur wenige Möglichkeiten, aus diesem Long Tail herauszukommen – und damit bedeutet das, dass man die Ellenbogen ausfährt und andere kleine Künstler in den Long Tail schiebt… klingt böse. Freie Marktwirtschaft, Baby.

Der Macher / kleine Künstler muss sich selbst um Marketing kümmern. Bespiele Kanäle, kümmere dich um Wettbewerbe / Contests / Aktionen größerer Benutzer der Platform, um deinen Werken Aufmerksamkeit zu bescheren. Man braucht ein soziales Netzwerk, damit genug Leute das Werk anklicken (und genießen, es geht immer noch um das Werk!), um die erste Schwelle zu überschreiten, damit das Werk in die „vorsortierte Welt“ rutscht – also die Listen mit „aufstrebenden Inhalten“ o.ä.

Man könnte auch noch Glück haben… und jemand mit großer Reichweite (=große Fanbase) ist von einem Werk begeistert und empfiehlt es an seine Fans weiter. Im Aufmerksamkeitskampf könnte dies zwar den empfehlenden einige Aufmerksamkeit für die eigenen Werke kosten, aber es gibt dabei Menschlichkeit und Wohlwollen zu gewinnen. Vermutlich rechnet sich das langfristiger, es kommt auf das Verhältnis an.

Zudem gibt es bei deviantART und 500px noch die Auswahl der Redaktion, d.h. Leute durchstöbern absichtlich ein wenig abseits der Filter den Berg der vorhandenen Werke und versuchen Perlen zu finden. Die Chance ist…. eher klein.

Kluge Worte am Ende

Achwas. Es hilft, wenns einem verdammt egal ist, ob die eigenen Werke angeschaut werden, oder nicht. Solange man das Feedback von Freunden & Familie hat und da einigermaßen Anerkennung einfahren kann, kann man das Internet gelassen nehmen. Oder einfach selber mit seinen Werken zufrieden sein. Hilft auch.

Und nun raus mit euch, macht wunderbares Zeug! 🙂

7 Kommentare zu “Popularitätspyramide

  1. Deus Figendi

    am 03.07.2013 um 05:00

    Hmm, also ich glaube ich benutze eigentlich die Startseiten von Contentprovidern nicht (oder nur um von dort die Suche zu bedienen). Aber deine Analyse trifft ja vermutlich auch auf die Standard-Einstellungen für die Sortierung von Suchtreffern zu… man findet die „häufig aufgerufenen“ oder „am Besten bewerteten“ oder „oft heruntergeladenen“ oder über irgendein scoring „populärsten“ Inhalte.

    > Man könnte auch noch Glück haben… und jemand mit großer Reichweite (=große Fanbase) ist von einem Werk begeistert und empfiehlt es an seine Fans weiter. Im Aufmerksamkeitskampf könnte dies zwar den empfehlenden einige Aufmerksamkeit für die eigenen Werke kosten, aber es gibt dabei Menschlichkeit und Wohlwollen zu gewinnen.

    Ich glaube fast, dass das nur innerhalb der Plattform gilt. Wenn Fefe dich empfiehlt hast du gerade 1400 Hits und 217 neue „Fans“ aber ich glaube Felix hat keinen einzigen Leser weniger ;D

    Eine passable Lösung will mir aber auch nicht in den Kopf kommen, außer denen, die du schon nanntest, dass der Betreiber eben „Perlentaucher“ hat, wenn er diesen Aufwand scheut kann man auch ein bisschen was Zufälliges einstreuen, aber übertreiben darf man auch das nicht, sonst suchen sich Rezipienten andere Plattformen, wenn zu viel Crap da präsentiert wird.

    Diese Aufmerksamkeitsökonomie erscheint aber irgendwie wie eine triviale Erkenntnis und trifft auf weit mehr zu als nur Contentanbieter, Suchmaschinen sortieren (auf die ein oder andere Art) auch nach Popularität, Metadienste wie flattr zeigen auch aufstrebende oder beliebte Werke…

    • Faldrian

      am 03.07.2013 um 10:42

      Danke Deus. 🙂

      Ich hab ja schon im Vorwort geschrieben, dass da nichts neues bei rum kommt, es ist eine triviale Erkenntnis. Nur habe ich das Gefühl, man neigt hin und wieder dazu, den Überblick zu verlieren bzw. das zu vergessen und wundert sich, wieso das eigene Werk jetzt nicht durchstartet wie eine Rakete. 🙂

  2. Adoa Coturnix

    am 03.07.2013 um 22:25

    Eine der Ursachen ist meiner Meinung nach die Metrik mit der die Popularität gemessen wird: Gerade wegen des exponentiellen Wachstums an Kommentaren/Zusprüchen sollte die Metrik logarithmisch sein und auch danach Werke in die virtuellen Schaukästen packen. Dann würden die kleinen nicht mehr so massiv benachteiligt. Das wird das Problem nicht aus der Welt schaffen, aber besser wäre es immerhin!

    Bspl: Werk A wird 10 mal geklickt, Werk B 1000 mal. Linear würde man erwarten, dass Werk B 100 mal so wahrscheinlich im Schaufenster zu sehen ist, wie Werk A. Würde man logarithmisch gewichten, wäre es nur noch 3 mal so wahrscheinlich.

    So würde man selbstverstärkten Hypes entgegenwirken und die kleinen Künstler stärker herausheben.

    Wobei, seien wir ehrlich: Wir wissen nicht einmal nach welchen Kriterien die Werke für die Schaukästen ausgewählt werden. Es kann sein dass es schon logarithmisch gewichtet wird, vielleicht auch noch viel krasser zu Gunsten der kleinen …

    • Faldrian

      am 03.07.2013 um 22:47

      Ja, 500px macht das so ähnlich, die haben eine logarithmische Annäherung an „100“ von „0“ aus. Jedes favoritisieren und „Gut“-Knopf-Drücken geht in die Bewertung positiv ein und drückt sie mehr Richtung 100. Wenn das Bild älter wird, steuert das Alter negativ dagegen, so dass man damit einen ständigen Austausch hat, ist schon recht durchdacht, irgendwie.

  3. Faldrian

    am 04.07.2013 um 11:09

    Fällt mir gerade selber noch ein… vielleicht braucht man eine Art Belohnungssystem für die Besucher. Das säre so aus: Wenn du als Besucher (mit Account) ein Foto hochvotest, das noch kaum Aufmerksamkeit hat, und dieses Foto bekommt innerhalb der nächsten Tage viel Aufmerksamkeit, dann bekommt man irgendwelche Reputationspunkte oder sowas.
    Hm…. wobei da letztlich, wenn jemand es drauf anlegt, mit seiner großen Community auch wieder Punkte farmen könnte. Aber es würden gute Bilder hochgespült – oder auch nicht, wenn seine Fans nur aus Solidarität das Bild angucken…. doch schwierig.

  4. Benjamin

    am 07.07.2013 um 00:37

    So, ich komme nun auch endlich noch dazu meinen Kommentar loszuwerden 🙂

    Ich bin ja jetzt auch so ein kleiner armer (mimimi) Youtuber 😉 Und als ich gefragt wurde, ob ich Lets Plays machen will, hab ich mir auch so überlegt: Gibt doch schon genug, was will ich da noch. Und gegen die grossen (zB dein Bruder 😉 ) hab ich ja auch keine Chancen, 1. können die besser Reden und 2. haben die halt eine grosse Fanbase.

    Ich hab mir halt dann einfach gesagt: Ich mach das für mich, weils mir Spass macht. Somit ists mir egal, obs viele schauen oder nur jemand. Gut, nachdem ich dann gemerkt hab, dass es doch mehr Aufwand ist, als anfangs angenommen, bin ich nun doch ganz froh, wenn es mehr als 1 Person schaut 😉

    Aktuell bin ich mit meinen 10-30 Views pro Video ganz zufrieden 🙂 Das ist viel mehr, als ich erwartet hätte. Und klein zu sein hat auch seine Vorteile. Ich wäre glaube ich viel nervöser, wenn ich 1000 Zuschauer hätte. So kann ich das jetzt ganz locker flockig aufnehmen und muss mir keinen Stress machen 🙂 Ausserdem hab ich ja grad keine Zeit neues Zeugs aufzunehmen, und so habe ich nicht 1000 Leute die rumjammern, wann denn das nächste kommt 😉

    • Faldrian

      am 07.07.2013 um 01:15

      Ja, stimmt. Wenn man keine so große Fanbase hat, hat man auch keinen so großen gefühlten „Druck“, Neues liefern zu müssen. Das ist eben der Tradeoff irgendwie.\n\nIch mache hier Fotos für mich, aber habe auch für mich so das Ziel gesteckt, dass ich gerne einmal in der Woche etwas neues auf dem Blog haben würde, so dass die Leute wissen, hier kommt regelmäßig was. Solange mir das auch noch Spaß macht, wird das nicht schwer, das einzuhalten. 🙂

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