Digitales Leben

In einem Podcast wurde das Thema eBooks angeschnitten und das brachte mich zum Nachdenken. Ich habe seit einer ganzen Weile ein Nexus 7 und habe vor verhältnismäßig kurzer Zeit erst entdeckt, dass man darauf gut eBooks lesen kann. Zu Anfang habe ich es nur als Comic-Viewer für Webcomics benutzt und dies war tatsächlich auch einer der Verwendungszwecke, die ich bei der Anschaffung im Kopf hatte.

Später habe ich im Chat mit Leuten dann von jemandem gehört, der jetzt Schallplatten wiederentdeckt hat. CDs habe ich noch mitbekommen, ganz früher kurz Kassetten, aber die waren so… undigital. Man musste spulen, es ging Qualität verloren beim Überspielen oder überhaupt bei der Aufnahme selbst. Das gleiche war mit DVD und VHS. Kassetten wurden als Aufnahmemedium zuerst von MiniDisc abgelöst, später dann vom Computer + Mp3-Player.

Einzig Bücher waren lange Zeit noch analog, was durch verschiedene Faktoren begünstigt wurde: Man braucht kein Abspielgerät, Augen (und das Wissen, wie man liest) genügen. Bücher sind gemessen an der Zeit, die man damit verbringt, recht günstig. Viele Stunden Lesespaß für ’nen Zehner. Es gab kein nerviges Spulen, denn Blättern geht recht schnell und man kann Lesezeichen setzen. Meistens konsumiert man ein Buch sowieso linear (im Gegensatz zu einem Musiksampler). Und letztlich gab es keine guten Lesegeräte, die die Art und Weise, wie Bücher konsumiert werden, nachstellen konnte.
Das ist mittlerweile anders.

Was bleibt?

Im Zuge dieser Gedanken ertappte ich mich bei der Überlegung, was wie für Spuren hinterlassen für die Leute nach uns. Man überlege mal: Kleines Kind geht mit Papi oder Mutti auf den Dachboden, beide wühlen in alten Kisten herum und finden Gegenstände und Bücher, Schallplatten und vieles mehr, was früher mal dem Elternteil gehört hat. Es blühen Geschichten auf, die anhand der Gegenstände erzählt werden. Das ist doch idyllisch.

All diese Gegenstände hinterlassen wir gar nicht mehr, da der ganze Konsum auf digital umgestellt wird. Information braucht nur noch flüchtig gespeichert werden für den Zeitraum, in der sie benötigt wird.  Jedenfalls auf Endgeräten. Wenn man das Glück hat, die Daten selber zu besitzen und nicht nur ein Nutzungsrecht erworben zu haben (Beispiel: Amazon kindle mit DRM in eBooks), dann kann man diese Bücher sogar auf Speichermedien archivieren und sie später noch anschauen (versuch das ohne Amazon-Account…). Vorrausgesetzt natürlich, die Speichermedien funktionieren noch (Thema Archivierung von digitalen Daten ist ein ganzer eigener Bereich, das ist nicht einfach).

Was kommt?

Worauf es hinauslaufen wird: Wir werden nicht mehr gemeinsam auf dem Dachboden wühlen. Wir werden die Datenflut von all den Blogposts, Twitter-Nachrichten, Instagram-Fotos, YouTube-Videos und was wir noch alles im Netz hinterlassen ohnmächtig anschauen und mit automatisierten Services auf die „nennswerten Momente“ filtern. Wir werden vieles nicht finden, weil es so viel zu durchsuchen ist. Wie sollen wichtige Momente herausstechen, wenn jede Bockwurst einen Tweet bekommt?

Früher hat man ein Foto gemacht, wenn etwas wichtig war. Fotos waren teuer, heute ist das nicht mehr so. Heute macht man Fotos, weil man zu faul zum Abtippen oder Abzeichnen ist. Entweder man sortiert die wichtigen Sachen sofort ein, hat viel Liebe dafür übrig und legt sie so weg, dass man sie später wiederfindet – oder muss sich später Algorithmen anvertrauen, falls man die noch mal wieder sehen möchte.

Es gibt viel zu hören.

Es gibt viel zu hören.

Bleibt auch die Frage: Was schert es uns, ob man später zurückblicken, unsere digitalen Spuren wiederentdecken und anhand derer Geschichten erzählen kann?
Alle Information und Unterhaltung, die wir wollen, ist einen Suchbegriff entfernt, da ist es doch viel zu unbequem, die Datenflut vergangener Zeiten zu durchforsten. Lieber neue Dinge aufnehmen, getrieben aus der Sorge, etwas zu verpassen, etwas nicht mitzubekommen oder eine tolle Neuheit nicht ausprobiert zu haben. Alles blinkt, alles möchte angeschaut werden.

Kinoflatrates, Bücherflatrates, Musikflatrates – nur keine Zeitflatrates.

2 Kommentare zu “Digitales Leben

  1. Falk

    am 07.11.2014 um 22:20

    Definitiv interessante Überlegungen. Ich denke das ist gerade der Charme des Analogen, dass man das ganze etwas bewusster angegangen ist und teilweise auch noch angeht. Ich denke das ist auch Teil des Grundes, warum wir in den letzten Jahren immer mehr „Retro“ haben.
    Sachen digital kann man „nebenbei“ machen, aber ich denke wenn man z.B. ganz bewusst ein Buch lesen will, oder auch Fotos aufbewahren will, dann ist es analog definitiv mehr was für mich.

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